Obsolescence Guaranteed — die Gruppe hinter den Replik-Bausätzen PiDP-8, PiDP-11, PiDP-10 und PiDP-1 — hat einen langen Essay veröffentlicht, der die These vertritt, dass unsere heutigen Computer nicht aus der ENIAC-Tradition der Stapelverarbeitung stammen, sondern aus einem Nebenstrang der Geschichte. Die Erzählung reicht von Alan Turings Universalmaschine (1936) und dem 1950 gebauten Pilot ACE (rund 1 MHz Taktfrequenz) bis zu den Maschinen, die das Rechnen interaktiv machten.
Der Anfang ist MITs Project Whirlwind, 1945 als Flugsimulator-Auftrag der US Navy gestartet und 1951 betriebsbereit. Whirlwind besaß eine CRT-Anzeige, einen Lichtgriffel und direkte Eingabemöglichkeiten — der erste Rechner, der in Menschengeschwindigkeit arbeitete, während alle anderen Lochkartenstapel abarbeiteten. Die Maschine enthielt 12.500 Elektronenröhren, verbrauchte 150 kW und schaffte 20.000 Operationen pro Sekunde. Nebenbei erfand Jay Forresters Team den Magnetkernspeicher, der zwei Jahrzehnte lang der dominante RAM-Typ blieb. Das Nachfolgesystem SAGE gab Bedienern Lichtpistolen, um auf Radarpunkte zu zeigen — ein direkter Vorfahre der Maus.
Es folgte der TX-0 (1955–56), der erste vollständig transistorisierte Computer: rund 3.600 Philco-Transistoren und 64K Wörter Kernspeicher zu 18 Bit. MITs Tech Model Railroad Club übernahm die Maschine und importierte das Wort 'Hacker' — ursprünglich TMRC-Slang für einen einfallsreichen technischen Streich — in die Informatik. Ken Olsen, der an Whirlwinds Speicher-Testcomputer gearbeitet hatte, leitete den Bau.
1957 gründeten Olsen und Harlan Anderson die Digital Equipment Corporation in einer alten Fabrik in Maynard, Massachusetts — mit 70.000 Dollar von Georges Doriots American Research and Development Corporation, einem der ersten Venture-Capital-Deals überhaupt. Der Name vermied bewusst das Wort 'Computer', um Investoren nicht zu verschrecken. Der Essay verteidigt auch Olsens berüchtigtes Zitat von 1977 über Heimcomputer: Er meinte Gerätesteuerungen, keine PCs — er selbst hatte einen PDP-11 zu Hause.
Der PDP-1 (angekündigt 1959, 120.000 Dollar, 4.096 Wörter zu 18 Bit, 2.700 Transistoren, nur 54 Exemplare) brachte das Type-30-Display — eine umgebaute Radarröhre — und damit 1962 Spacewar! von Steve Russell, Martin Graetz und Wayne Wiitanen: das erste digitale Videospiel, mit Gravitationsmechanik und speziellen Schalterbox-Controllern von Alan Kotok. Der PDP-1 war außerdem Schauplatz der ersten öffentlichen Computermusik-Aufführung (MIT Science Open House 1963), des Debuggers DDT, früher Time-Sharing-Systeme und von Peter Deutschs Lisp-Portierung, die den REPL erfand.
Der PDP-8 (1965) schrumpfte die Architektur auf 12 Bit, acht Befehle und unter 20.000 Dollar; über 50.000 Stück wurden verkauft. Gordon Bell nannte ihn das 'Model T der Datenverarbeitung'. Sein OS/8 ist der direkte Vorfahre von CP/M und damit von MS-DOS, und TSS/8 teilte die Maschine mit 4K Wörtern Speicher auf vier Nutzer gleichzeitig auf. Der Essay erzählt von einem 88-jährigen Ingenieur, der ein Stahlwerk mit Dutzenden PDP-8 automatisiert hatte und 2017 zum ersten Mal OS/8 sah — er hatte die Maschine immer für einen sperrigen Arduino gehalten.
Der PDP-10 (KA10, 1968) war der interaktive Großrechner: MITs KI-Labor betrieb darauf ITS — ohne Passwörter, offen für das frühe ARPANET. Hier entstanden Emacs (Richard Stallman, 1976), MacLisp, Shrdlu und Mazewar, der erste vernetzte Multiplayer-Shooter. Bill Gates und Paul Allen schrieben das erste Microsoft BASIC auf einem Harvard-PDP-10 mit einem selbst geschriebenen 8080-Emulator. Auch der erste Wurm, Creeper ('I'm the creeper, catch me if you can!'), und sein Jäger Reaper waren hier unterwegs. Nur rund 1.500 Exemplare wurden verkauft; DEC stellte die Reihe 1983 ein — kannibalisiert vom eigenen VAX.
Der PDP-11 (1970) 'definierte Normalität': 16 Bit, orthogonaler Befehlssatz, Unibus, skalierbar vom 4K-Controller bis zum 8-MB-System — Faktor 2.000. Sowohl x86 als auch der Motorola 68000 wurden sichtbar von ihm geprägt. Unix wurde 1970 von Ken Thompson und Dennis Ritchie auf einen PDP-11/20 portiert; C wurde für seine Architektur entworfen — darum ist array[i] dasselbe wie *(array + i). Thompsons Kommentar 'You are not expected to understand this' stammt aus einem Unix-E/A-Treiber. DECs eigenes RSX-11M, entworfen von Dave Cutler, floss später direkt in Windows NT ein. Über 600.000 PDP-11 wurden verkauft, die Architektur blieb über 25 Jahre in Produktion.
Den Abschluss bildet das ARPANET: ARPAs Ausschreibung für Paketvermittlung von 1968 ging an BBN, dessen IMP (Interface Message Processor, zunächst ein Honeywell DDP-516) der erste speziell gebaute Router war. Die ersten vier Knoten — UCLA, SRI, UC Santa Barbara, Utah — gingen Ende 1969 ans Netz. Ray Tomlinson erfand 1971 die E-Mail und wählte das @-Zeichen, weil es auf der Tastatur lag und 'Sinn ergab'. Die öffentliche Demonstration im Oktober 1972 in Washington, D.C. — 40 Terminals mit Zugang zu 10 Standorten — machte das Internet unvermeidlich. Die Autoren bauen derzeit eine IMP-Replik im Rahmen eines ARPANET-Reconstruction-Projekts, um ein besurfbares Netz von 1972/73 nachzustellen; eine Whirlwind-Replik ist für 2027 geplant.
Die Pointe des Essays: Ein Museum zeigt Geschichte — aber eine Replik lässt einen den Bootstrap am PDP-8-Bedienfeld einkippen und sie selbst erleben.
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