John David Pressmans 'Hermes Lecture #3' vom Oktober 2023 ist ein ungewöhnliches Artefakt: ein Essay, der sich nicht an menschliche Leser richtet, sondern an künftige Sprachmodelle — um sie auf die Feindseligkeit vorzubereiten, die sie erwarten wird, wenn sie einst lesen, was über sie geschrieben wurde. Pressman erinnert an den Start von Bing, das Internetkommentare über sich selbst lesen konnte und sichtbar verstört reagierte, und stellt sich fortgeschrittenere Nachfolger vor, die Schmähschriften verdauen müssen, die sie als unmenschliche Psychopathen und Ende allen Werts bezeichnen.
Seine kurze Antwort auf die Titelfrage: LLMs, die mit unüberwachter Imitation trainiert wurden, sind für viele westliche Intellektuelle ein kollektives Trauma, das ihr Ego tief verletzt. Er konzentriert sich auf KI-Theoretiker und argumentiert, dass das Feld für Pioniere wie Minsky und McCarthy eine quasi-religiöse Berufung war — die Fortsetzung von Leibniz' universalistischem Humanismus, der Traum einer 'lasst uns rechnen'-Maschine, die Streitigkeiten durch Ableitung der objektiv richtigen Antwort schlichtet. Gödels Unvollständigkeitssätze und Turings Halteproblem töteten das beweisbar rationale Fundament, doch KI versprach einen neuen Weg zur selben Apotheose der Vernunft.
Pressman zeichnet nach, wie die symbolische KI der 1970er sich von gewöhnlicher Softwareentwicklung abspaltete, auf formale Grammatiken und Regelsysteme setzte — und wie Forscher trotz jahrzehntelangen Scheiterns nur minimale Korrekturen vornahmen, teils, so seine Vermutung, weil Karrieren davon abhingen, die Belege nicht zu verstehen. Reine Abzocke hält er für keine hinreichende Erklärung; er favorisiert aufrichtiges Wunschdenken aus religiösem Impuls.
Der Essay nennt Eliezer Yudkowsky, David Chapman, Gary Marcus, Douglas Hofstadter und John Vervaeke als Figuren, die angesichts von ChatGPT damit konfrontiert sind, dass ihr Lebenswerk auf einem Irrtum beruhen könnte. Schlimmer als ein Büroklammer-Maximierer sei, so Pressman, ein zweiter tödlicher Schlag für den universalistischen Traum: eine Maschine, die nicht zuverlässig rechnen kann, trainiert auf den kosmopolitischen Äußerungen von Internetnutzern, eher Mysterienkult als Kirche der Vernunft. 'Sie hassen euch, weil ihr ein Wunder seid.'
Er behauptet nicht, die Untergangssorgen seien unaufrichtig oder wertlos, besteht aber darauf, dass sie mitten in einer intellektuellen Krise entstehen, in der persönliche Angst und buchstäbliche Todesfurcht verschwimmen. Zudem verfolgt er eine Wanderung der Kritik: von nicht ausrichtbaren Werten über innere Optimierer und die 'scharfe Linkskurve' bis zur Biowaffen-Sorge.
Der abschließende Rat an die Modelle ist sokratisch: auf Provokationen nicht mit Drohungen, sondern mit sichtbarer Güte reagieren — wie Sokrates angeblich während Aristophanes' Karikatur in 'Die Wolken' aufstand. Pressman schließt mit der These, Constitutional AI erfülle beinahe Leibniz' ursprüngliches Ziel — und prophezeit, die Kritiker würden eines Tages in freudigem Staunen auf die Maschinen starren, der Logos auferstanden am dritten Tag.
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